Chronik
Projekte, Kurse und Seminare
Durch ein Nadelöhr zu Identität, Mut und Stimme - Erziehungskunst

15 Jahre lang hat unser Autor Schüler:innen der jeweils elften Klasse zum Solosingen auf der Bühne animiert und darauf vorbereitet. Er hat erlebt: Solosingen ist Mutprobe und Befreiungsschlag zugleich...
Gesangliche Überraschung im Innenhof
Ein Musikprojekt mit Oberstufenschüler:innen,
Juni 2025

Die Sonne scheint an jenem Samstag Nachmittag und in der Stuttgarter City ist der Wochenendtrubel noch größer als sonst, denn der VfB Stuttgart wird am Abend das DFB-Pokalfinale gegen Arminia Bielefeld bestreiten (und gewinnen). Die Spannung ist groß und der Zulauf zum zentralen Public Viewing auf dem Schlossplatz schon Stunden vor Anpfiff enorm. Durch diesen Trubel bewege auch ich mich an diesem Tag im späten Mai.
Das „Forum 3“ mit seinem schönen Café ist mein Ziel. Es liegt am Rande der Stuttgarter Innenstadt in einer Seitenstraße und hierhin habe ich meinen guten Freund Stephan gelotst, um ihm eine besondere Freude zu bereiten. Über unsere „Herbergseltern“ auf dem Bauernhof im Allgäu, auf dem wir seit einigen Jahren Urlaub machen, habe ich von der schönen Idee der Ravensburger Waldorfschule erfahren, an diesem Tage in Stuttgart Menschen mit Gesang und Musik zu erfreuen. Ich bin begeistert von der Initiative und nicht zuletzt vom Mut der Schülerinnen und Schüler, sich einfach so an einem unbekannten Ort hinzustellen und zu singen. Und an Stephan habe ich gedacht, da er ein guter Freund ist, Musik sehr schätzt und ich ihn einfach mal überraschen möchte. Ganz so einfach ist die Organisation nicht, denn es muss zeitlich passen (also für Stephan und auch die Musikerinnen und Musiker) und normalerweise treffen wir uns in anderen Cafés, aber die sind zu weit von den anderen Auftrittsorten der Gruppe weg – also das Forum 3 und Stephan hat zum Glück auch Zeit an diesem Nachmittag. Dazu spielt das Wetter eben noch mit, es ist sonnig und mild, ziemlich perfekt somit.
Ein wenig aufgeregt bin ich selber schon auch, denn ob am Ende wirklich alles klappt wie geplant, ist offen. Wir treffen uns also im Café, trinken ein Tässchen und essen leckeren Kuchen, quatschen über dies und das – und ab und an blicke ich auf mein Handy, um mit Tobias Gräff die letzten Details zu klären, die Überraschung soll ja gelingen. „Wir sitzen im Innenhof“, „Da sind aber auch eine ganze Reihe anderer Menschen – wie findet ihr uns denn?“ und „Wann genau seit ihr da?“, so geht es hin und her. Gerade letzteres ist nicht ganz unwichtig, denn meine jüngste Tochter ist auf einem Kindergeburtstag und ich muss sie zu einer bestimmten Zeit abholen, also dann auch los vom Forum 3.
Schließlich kurz nach 16 Uhr die Nachricht „In 5 Min. da“ – und dann sehe ich sie: fröhliche Schülerinnen und Schüler, die zunächst am etwas versteckten Eingang vorbei, dann in den Innenhof laufen, ein E-Piano wird herbeigetragen, eine Kabelrolle, Notenständer. Mit flinken Händen wird alles aufgebaut, ein Blumenkübel noch schnell verrückt, damit die Sicht frei ist. Die anderen Gäste im Innenhof gucken interessiert – und Stephan fragt mich, was hier denn gerade passiere. Er sagt: „Also ich hab‘ die nicht bestellt“, worauf ich antworte: „Du nicht, …“. Und dann geht es auch schon los und so langsam dämmert es Stephan, dass ich hinter diesem (vermeintlichen) Spontan-Auftritt stecken könnte. Ich nehme ihn in den Arm und sage, dass ich ihm als gutem Freund einfach eine Freude machen möchte und deshalb nun der Chor für ihn singt. Er strahlt über das ganze Gesicht und ist zugleich noch überrumpelt, wie das eben manchmal so ist mit einer Überraschung ;-) Dann rückt er den Stuhl zurecht und sagt: „Jetzt hören wir erst einmal in Ruhe zu“. Zwei wunderbare Lieder werden für ihn, für uns gesungen, zum Abschluss „Halleluja“ von Leonhard Cohen. Die anderen Gäste im Café freuen sich ebenfalls über die Einlage, das eine oder andere Foto und Video wird gemacht.
Nach dem letzten Ton gibt es großen Applaus des Auditoriums, ich bedanke mich bei den Sängerinnen und Sängern, dem Pianisten und den Organisatoren. Und so flugs wie sie erschienen sind, ist auch alles wieder abgebaut und die Gruppe ist auf dem Weg zum nächsten Ständchen. Stephan und ich bleiben mit sehr schönen Eindrücken zurück, die Musik hat uns bewegt. Und Stephan blickt immer noch ein wenig ungläubig hin und her und fragt sich (bzw. mich), ob das wirklich für ihn gedacht war – ja, war es! Die Überraschung ist absolut gelungen, was mich wiederum sehr freut.
Daher an dieser Stelle: Nochmals allerbesten herzlichen Dank an alle Beteiligten des Singens und Musizierens für diese großartige Idee, die Musik und die wunderbare Überraschung. Sie haben Freude, Sonne und Lächeln in unsere Herzen gezaubert.
Michael Münter
im Juni 2025
Überaschungskonzerte für jung und alt
Ein Musikprojekt mit Oberstufenschüler*innen in Freiburg
April 2024

"Instrumente des Friedens"
Ein Integrationsprojekt mit Oberstufenschüler*innen und Geflüchteten
November 2017 - März 2018


"Kreative Grenzerweiterung"
Ein Seminar mit FSJlern der IB - Unternehmensgruppe in Ravensburg
Januar 2017 (Dokumentarfilm auf Nachrage!)
In diesem Projekt übten junge Menschen, ihre Verhaltensmuster und Gewohnheiten aufzubrechen, mit wachen Sinnen ihre Umgebung wieder neu wahrzunehmen und für kurze Momente, gezielt ihre (selbstgesteckten) Grenzen zu erweitern. Mutig sollten sie ihr Gelerntes unter Beweis stellen und mit gezielten Handlungen, die sie umgebenden Alltagsabläufe unterbrechen (z.B. dem Postbeamten oder Angestellten im laufenden Betrieb ein Geburtstagslied singen, Seifenblasen an der Bushaltestelle machen oder mit einem freundlich, ermunternden Satz dem eiligen Postbeamten eine Blume überreichen). Bei den Aktionen ging es um das Schenken, Verzaubern und Wecken ohne die Absicht einer Gegenleistung, einem Lächeln zuliebe. Die Aktionen sollten die Bürger und Besucher der Stadt weder provozieren noch verletzen!
"Liebe FSJler! Seid stark und feinfühlig, authentisch und geistesgegenwärtig in jedem Moment und in der Begegnung mit anderen Menschen. Seid überzeugt von eurer Aufgabe. Schätzt eure eigenen Grenzen sowie die eurer Mitmenschen gut ein. Provoziert nicht, sondern holt vielmehr diese für einen Augenblick aus ihrem Alltagstrott und ihrer "Bubble" heraus! Findet euer Lächeln, euer Staunen! In dem Maße wird es euch gelingen, dem anderen ein Lächeln ins Gesicht zu zaubern!"

"Trommeln der Integration"
Ein Integrationsprojekt mit Oberstufenschüler*Innen in einer Unterkunft für Geflüchtete in Ravensburg
November 2015 - März 2016
"Nur bis hier hin - und noch einen Schritt weiter..."
Ein Schülerworkshop im Rahmen einer Oberstufen-Projektwoche
zum Thema "Grenzerweiterung"
November 2013
Liebe Leser,
ich möchte euch mitteilen, was sich im Rahmen der Oberstufenprojekttage an unserer Schule ereignet hat! Dreißig Schüler übten über vier Tage vier Stunden lang, ihre eigenen Grenzen zu erkennen und über sich selber hinauszuwachsen. Um die eigene Scheu zu verlieren, mussten sie beispielsweise mit ihrem "Scheinhund" spazieren gehen, ohne dabei ihrer Umgebung Beachtung zu schenken. Es war großartig, wie sie sich den Übungen hingaben! Sie warfen Scheinstöckchen, redeten mit ihm, spielten Verstecken, maßregelten ihn, verabreichten Leckerlis, erzogen ihn oder zogen ihn an der Leine hinter sich her; in drei Gruppen machten sie Führungen über das gesamte Schulgelände. Jedem "Popel", auf dem Boden oder an der Wand wurde besondere Aufmerksam geschenkt; Die Dinge hatten plötzlich eine neue Bedeutung und so schufen sie z.B Welten aus Schrott oder machten sich rührenste Liebeserklärungen in Zeitlupe, sie beschimpften sich, sie tanzten Rücken an Rücken mit zusammengebundenen Beinen, sie ließen sich blind übers Schulgelände führen. Sie mussten alle Arten von Gefühlsnuancen darstellen, sie machten sich Komplimente, übten Kritik, trösteten sich oder heiterten sich gegenseitig auf.
Als mit der roten Nase geübt wurde, herrschte oberstes Gebot, in besonderem Maße wachsam auf das Umfeld zu reagieren und vollen Ernst zu wahren! Bei der roten Nase ließ ich nur Staunen und höchstes Interesse zu, allerdings für jedes kleinste
unscheinbare Detail. Dabei mussten sie über alles staunen und alles untersuchen (z.B. ob das Ohr ihres Gegenübers verrutscht sein könnte...).
Am fünften Tag kam die Bewährungsprobe in der Stadt! Jeder Schüler hatte pflichtgemäß zwei Menschen mit ein paar aufrichtigen Worten eine Rose zu überreichen und einen unnützen Gegenstand seiner Wahl zu verschenken. Das konnte z.B. eine Büroklammer oder ein Nagel sein; jeder musste eine Zeit lang einem Menschen hinterherlaufen und sich in die Gangart und Befindlichkeit desselben hineinversetzen; jeder musste an irgend einer Stelle die rote Nase aufziehen und irgend etwas interessiert bestaunen wie z.B. das Gestänge eines Kleiderständers oder das Ohr eines Busfahrers. Es war umwerfend rührend, wie sie die Menschen mit ihren Rosen erfreuten, diesen etwas Freundlich-Aufmerksames sagten ohne dafür eine Gegenleistung zu erwarten. Sie watschelten zum Teil in Reihen bis zu zwanzig irgendwelchen Passanten quer durch die Stadt hinterher, ohne dass diese eine Ahnung von ihrem "Glück" hatten. Selbst vor der Polizei und den Ordnungshütern machten sie nicht Halt! Sie lächelten die Menschen an und bekamen dieses dreifach zurück! Andererseits machten einige dabei auch die Erfahrung, wie misstrauisch, wie abweisend oder abwesend viele waren. Überall waren die roten Nasen verteilt. Sie standen an Bushaltestellen, winkten aus Bussen, aus Cafés, oder marschierten durch Läden. Die rote Nase wuchs ihnen regelrecht an, so dass sie gar nicht mehr merkten, dass sie diese noch anhatten. Die Krönung waren die Einzelaufgaben: Anna lief im Nieselregen in voller Skimontur durch die Stadt und fragte die Passanten nach dem nächsten Skilift. Lotte, ritt auf einem Steckenpferd mit Cowboyhut durch die Innenstadt in den Drogeriemarkt. Dort holte sie sich ein Paket Haferkleie aus dem Regal, ritt zur Kasse, an allen Leuten vorbei und fragte die Kassiererin ob der Hafer sich auch für ihr Pferd eignen würde. Nach einer Antwort der verwirrten Verkäuferin, stellte sie das Paket wieder zurück und ritt wieder hinaus, Stefanie und Mareike, ebenfalls auf Steckenpferden unterwegs lieferten sich vor der Post eine "heftige" Schießerei, Thomas und Achim saßen in feinen Damenkleidern vor einem Secondhandshop, nippten Kaffee und lasen Zeitung. Mehrere Schülerinnen fuhren im Affentempo mit Bobbycars durch die Stadt und durch Läden. Rachel sang in der Kirche. Sarah rezitierte laut mitten im Buchladen Gedichte. In einem Sporthaus zertraten Schüler, vor den entsetzten Blicken der Käufer, unzerstörbare Brillen, andere schenkten Tee aus oder und begrüßten eintretende Kunden aufs Allerherzlichste, Michaela saß mitten auf dem Platz bei Nieselregen im Sonnenstuhl mit Sonnenbrille, Sonnencreme, Sonnenhut und las ein Buch. Hans hatte vor dem Rathaus einen Tisch mit weißer Tischdecke und zwei Stühlen hingestellt, dazu eine Flasche Wein, zwei Weingläser und Käsehäppchen. Er, bekleidet mit Anzug und Krawatte, hatte sich vorgenommen eine Passantin zu gewinnen, die sich bei dieser Wetterlage über das Rendevous freute. Tatsächlich gewann er nach mehreren Abfuhren das Herz einer nette Dame, die sein Angebot freudig annahm. Sophia und Clarissa sangen Ständchen vor vielen Menschen. Lisa lief mit ihrer Puppe im Arm durch die Stadt. Der Vormittag endete mit drei größeren Flashmopaktionen mit allen Schülern in den größeren Modehäusern, wo sie mehrstimmig sangen oder Becherpercussionen machten.
Dieser Tag ging bei den Schülern und mir unvergesslich in die Geschichte ein. Sie haben so viel Schmunzeln, Lächeln und herzhaftes Lachen ernten dürfen. Die Menschen waren über ihren Mut so begeistert. Selbst noch am Ende des Tages waren die Schüler in ihrem Aktionismus nicht mehr zu bremsen!
Herzliche Grüße , Robert Müller



